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  • Christopher Dels

Virtual Everesting...die Ausgangssperre doppelt sinnvoll genutzt

Fabian: "Bin am überlegen am Sonntag das everesting zu machen.." Ich: "Bin Dabei".

Damit war eigentlich alles gesagt, denn 6 Tage später war es auch schon so weit...Ich hatte schonmal von der Challenge gehört als der Triathlonprofi Cameron Wurf die 8848 Höhenmeter vom Mount Everest in einer Einheit draußen gefahren ist. Die Idee, dass man das ganze aber auch Indoor auf einem Rollentrainer machen kann, ist wahrscheinlich schon ein Zeichen des Lagerkollers während der Corona Zeit. Viele Gedanken konnte ich mir nicht darüber machen, was ich mir damit angetan habe, weil ich mehr damit beschäftigt war mein Büro in ein Youtube Live-Stream Studio zu verwandeln. Wenn ich schon den ganzen Tag im Sattel sitze, wollte ich noch etwas sinnvolles außer der "Everesting Badge" bei Zwift aus der Aktion gewinnen. Mit dem Livestream wollte ich versuchen, Spenden zu generieren, um das Spendenprojekt "Righthope School India" von "Wattungeheuer" Mirco Helmreich zu unterstützen, das er während einer 14-monatigen Radtour durch Asien ins Leben rief (Infos unter www.eatridelove.de).

Nach unzähligen HDMI, CPU, PING, DICOR und OBS Tutorials musste ich feststellen, dass weder mein Mac noch ich computertechnisch so versiert sind, wie ich dachte. Aus einem HD Live Stream mit Bildschirmaufnahme und zweier zusätzlicher Kameras wurde ein verpixeltes Abfilmen eines alten TV Monitors mit Hilfe zweier Computer.




Damit der Everesting Versuch nicht so fehlschlägt wie meine Vorstellung des Live Stream Studios, gab es einige Regeln zu beachten. Damit es offiziell zählt, musste man einen interaktiven Rollentrainer benutzen. Das heißt die Rolle passt den Widerstand an die Steigung des Berges an, so dass man nur mit sehr niedriger Trittfrequenz fahren kann. Aufgrunddessen hab ich mir noch die Kassette der Rolle von Fahrrad Dresel wechseln lassen, um eine höhere Trittfrequenz zu ermöglichen. Eine andere Regel des "Everesting" ist, dass man die Höhenmeter in einer Einheit absolvieren muss. Dafür haben wir uns den Alpe du Zwift, eine Nachahmung des Alpe du H'uez, in der virtuellen Trainingssoftware Zwift rausgesucht. Dieser Berg hat 1036 Höhenmeter. Um die 8848 des Mount Everest zu erreichen mussten wir also 8,5 mal hoch. Bei einer durchschnittlichen Wattzahl von 3W/kg (bei mir 230-240 Watt) würde man pro Auffahrt ca. 65 Min brauchen. Dazu kommt noch die 15-minütige Abfahrt, die man bei der virtuellen Version nicht im Sattel verbringen muss. Insgesamt haben wir also mit

12-13 Stunden gerechnet. Der erste Höhepunkt war der Einkauf für die 7800 Kalorien, die ich dabei verbrauchen würde...ich kann es keinem im Supermarkt Übel nehmen, wenn er dachte, ich würde Süßigkeiten hamstern...aber ich war sehr optimistisch, denn am Zucker sollte es nicht scheitern.

Nachdem dann also das reale Setup in meinem Büro stand, habe ich den letzten Einkauf am Freitag Abend getätigt, jedoch war dieser virtuell. Mit dem Specialized Tarmac Pro und den Lightweight Laufrädern habe ich mir das leichteste Fahrradsetup im Spiel gegönnt, um wenigstens einmal im Leben kein überflüssiges Gramm mit zu schleppen.


Selbst die Zeitverschiebung von Samstag auf Sonntag hat uns nicht mehr von unserem Vorhaben abbringen können und so waren wir letztendlich fünf Leute, die die Ausgangssperre ernst nahmen. Jetzt mussten wir nur noch hoffen, dass die Internetverbindung das ganze Schauspiel durchhält...

Es hat nicht lange gedauert bis es als ersten den Sebbo erwischt hat. Der treue Telekom Kunde musste sich aufgrund von Verbindungsproblemen beim 3. Anstieg um ca 10 Uhr verabschieden. Das war aber auch genau der Moment als Deutschland erwachte und das Spendenkonto angetrieben durch die zwei Live Streams von Tom Hohenadl und mir heiß lief. Heiß war auch der vierte Mann im Bunde Jules Rau, der seit dem ersten Anstieg alleine vorausgestampft ist, um danach immer ein bisschen länger die Pause zu genießen bis wir uns am Fuße des Anstieges trafen. Dagegen haben wir, Fabi, Tom und ich, uns, ob aus Angst oder Respekt, bis auf ein, zwei Attacken konstant an die Vorgaben gehalten. Die ersten vier Anstiege gingen auch alle verführerisch geschmeidig...der Puls war konstant bei 120 Schlägen...in den Pausen musste ich mir sogar immer ein Tshirt anziehen, weil mir kalt geworden ist... doch dann kam Nummer fünf. Ich war schnell 30 Sekunden hinter den anderen und der Puls war schon ab der Hälfte über 140, die Beine haben gebrannt und ich habe unseren Chat gemutet weil ich "unruhig" geworden bin. Gleichzeitig ist der Spendenbetrag bis über 400 Euro angestiegen...der Druck war also groß, aufhören keine

Option, aber ich musste was ändern. An meiner vorbildlichen Verpflegung mit Snickers/Mars (hatte nur noch 3 Gels die ich fürs Ende aufheben wollte) und einer Flasche Wasser Iso und einer Flasche zuckerhaltiges Iso pro Auffahrt konnte es eigentlich nicht gelegen haben...als ich mich mit Ach und Krach über die Kante des 5. Gipfels gestürzt und den Chat wieder eingeschaltet hatte, konnte ich gerade noch vernehmen, wie die anderen sich zu einer 30-minütigen Mittagspause verabschiedeten während sie quasi schon am Tisch saßen und Nudeln in sich reinarbeiteten. Nachdem ich meinen Avatar also in die Abfahrt geführt hatte und absteigen konnte, musste ich nach Rücksprache mit meinem Coach meine Körpertemperatur runterbringen, wenn es in keinem Desaster enden sollte. Ganz getreu der Kältetherapie von Wim Hoff habe ich die nächsten 10 Minuten unter der eiskalten Dusche verbracht und alles in mir mit 1,5 Liter Cola gelöscht. So war die Mittagspause auch schneller vorbei als gedacht, doch ich musste weiterhin alles tun um nicht zu überhitzen. Was man im Stream also nicht sehen konnte war, wie während der künftigen Abfahrten wie ein Baby das im Strampelanzug an der Flasche saugt, in der Badewanne, eingewickelt mit eiskalten Handtücher lag und Cola exte.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt hat man aber auch nicht mehr viel im Stream gesehen, weil ich die zwei aufgebauten Leuchten ausgeschaltet habe, um jegliche Hitzequelle zu eliminieren. Selbst auf Kaffee habe ich verzichtet...stattdessen habe ich mich voll auf meine Cola und Red Bull Vorräte konzentriert. Die Maßnahmen haben auch gefruchtet...nach einem vorsichtigen 6. Anstieg lief es wieder rund. Der Puls hat sich wieder abgeflacht und war beim letzten Anstieg wieder bei 130. Was sich aber nicht abgeflacht hat war der Eingang an Spenden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir rund 600 Euro gesammelt und damit das Ziel, 1 Cent pro Höhenmeter für jeden der fünf Fahrer (442,50 Euro Gesamt) zu sammeln, schon weit vor dem Erreichen des Mount Everest Gipfels erreicht.

Die nächsten zweieinhalb Auffahrten waren dann nur noch eine mentale Herausforderung, weil die Oberschenkel dann immer schwerer wurden. Ich denke es war schließlich eine recht gute Punktlandung nachdem sich der Jubel beim Erreichen der 8848 Höhenmeter aufgrund von Erschöpfung in Grenzen hielten. Wir sind dann noch sicherheitshalber bis 9000 Meter gefahren, nicht dass wir uns irgendwie irrten, und der Mount Everest in den letzten Jahren vielleicht ein bisschen gewachsen ist. Den achten Anstieg sind wir dann aber wie gesagt nicht zu Ende gefahren, so wie wir es am Vormittag noch großkotzig angekündigt hatten. Ein anderer Grund für die ausbleibende Freude über den Erhalt das "Everested!"- Badges auf Zwift, lag vielleicht daran, dass wir uns viel mehr über die Spendensumme von 705 Euro gefreut haben. Wahnsinn! Vielen Dank an allen Spendern, ich hätte das wirklich nicht für möglich gehalten und es ist schön zu sehen was entstehen kann, wenn man zusammen hält, auch wenn es nur kleine Beiträge sind.

Ich habe das Geld auch sofort an Mirco Helmreich überwiesen, der es an die Right Hope School in Indien vermittelt hat. Zwei Tage nach dem "everesten", hat Cecilia, die Leiterin der Schule, das Geld erhalten und sofort einen Teil davon in Essen investiert, dass sie an die Familien der Schüler verteilt hat, weil die Schule dort auch im Moment geschlossen hat. Der hohe Grad an Vernetzung heutzutage hatte sicherlich großen Einfluss auf die schnelle Verbreitung des Viruses weltweit. Doch genau diese Vernetzung ermöglicht es uns heutzutage auch virtuell miteinander Rad zu fahren, es live im Internet zu verfolgen, dabei Spenden zu sammeln, und diese innerhalb von 48 Stunden an richtige Stelle zu vermitteln. Ich hoffe dieses Projekt bleibt nur ein kleines Beispiel zu einer Entwicklung hin zu einer neuen Solidarität.







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